Im September laden Winzerinnen und Winzer Sie zu einem besonderen Erlebnis ein. Von der Ernte bis in den Keller entdecken Sie die Handgriffe und die Realität einer entscheidenden Phase der Weinbereitung. Einen Tag lang werden im Rebberg Geschichten, Erfahrungen und Wissen geteilt.
Verfasst von Leïla Klouche
Die Weinlese ist einer der Höhepunkte im Weinjahr. Während weniger Wochen geht plötzlich alles sehr schnell. Jede Rebsorte muss genau zum richtigen Reifezeitpunkt gelesen werden – und gleichzeitig spielt das Wetter eine entscheidende Rolle.
Die Ernte bildet den Abschluss monatelanger Arbeit im Rebberg und zugleich den Anfang eines neuen Abenteuers: Die Trauben gelangen vom Rebberg in den Keller und beginnen dort ihre Verwandlung zum Wein. Am Puls der Ernte ermöglicht es, diesen entscheidenden Moment gemeinsam mit Winzerinnen und Winzern zu erleben.
Neben Boden, Rebarbeit und den Entscheidungen der Winzerinnen und Winzer prägt auch das Klima den Charakter der Trauben eines Jahrgangs. Trockenheit und Hitze können dabei einen grossen Einfluss haben.
In Auvernier blickt Benoit de Montmollin von der Domaine de Montmollin optimistisch auf die Ernte: «Die Traube mag Wärme. Durch den Wassermangel sind die Beeren klein geblieben, dafür aber sehr konzentriert. Ausserdem mussten wir praktisch nicht behandeln, denn Feuchtigkeit begünstigt Krankheiten.»
Etwas Regen könnte den Beeren noch helfen, etwas grösser zu werden. Bei der Maison Gilliard in Sitten bleibt Julien Picard dennoch vorsichtig: «Jetzt müssten wir vor allem starke Sommergewitter vermeiden, die die Trauben kurz vor der Ernte beschädigen könnten.» Daumen drücken!
Am Erntetag erleben die Teilnehmenden selbst, was der aktuelle Jahrgang bereithält – mit der Rebschere in der Hand. Meist beginnt der Tag mit Kaffee und Gipfeli, bevor es gemeinsam mit den Teams in die Rebberge geht.
«Wir möchten das gesamte Erlebnis teilen, vom Rebberg bis in den Keller, damit die Teilnehmenden wirklich verstehen, was die Weinlese im Wallis bedeutet», erklärt Julien Picard.
Nach ein bis zwei Stunden gemütlicher Lese – jede und jeder im eigenen Tempo – werden die Kisten zur Traubenannahme gebracht. Dort beginnt der Einblick in die Weinbereitung.
Die Atmosphäre bleibt bewusst locker. Benoit de Montmollin erzählt: «Einige füllen mehrere Kisten, andere unterhalten sich und geniessen einfach den Moment. Entscheidend ist, dass alle möglichst viel Freude haben.»
Auch die Landschaft trägt dazu bei, das Erlebnis zu bereichern. Ob See, steile Berge oder sanfte Hügel – jede Region bringt ihren eigenen Charakter mit.
Auf der Domaine du Château-du-Crest in Jussy legt Esther Dos Santos-Meyer Wert darauf, ihr Team vorzustellen und zu erklären, welche Entscheidungen die tägliche Arbeit prägen.
Ein Teil der Trauben wird maschinell gelesen – ein Thema, das bei Besucherinnen und Besuchern viele Fragen auslöst. «Bei 23 Rebsorten, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten reif werden, gibt uns die Maschine die nötige Flexibilität, genau im richtigen Moment und passend zum Wetter zu ernten – bei gleichzeitig sehr hoher Qualität», erklärt die Winzerin.
Wer neugierig ist, kann sogar auf einem Fahrzeug mitfahren. Zudem lernen die Gäste PIWI-Rebsorten kennen. Diese sind von Natur aus widerstandsfähig und benötigen nur sehr wenige Pflanzenschutzmassnahmen. Für den Genfer Betrieb stellen sie eine Alternative zum biologischen Weinbau dar.
Solche Entscheidungen bieten viel Gesprächsstoff. «Die Menschen trinken vielleicht weniger, aber ihr Wissensdurst ist gross», sagt Esther.
Wer die Menschen hinter dem Wein kennt, erlebt ihn später anders. «Ich trinke einen Wein mit mehr Freude, wenn ich das Weingut kenne», sagt Benoit. Im Glas tauchen plötzlich die Gesichter und Landschaften wieder auf, die man während eines solchen Tages kennengelernt hat.
Bei der Maison Gilliard bieten diese Begegnungen zugleich die Gelegenheit, Wissen und Geschichten rund um das Walliser Weinkulturerbe weiterzugeben.
Auch Esther erlebt diese Nähe in Jussy: «Die Besucherinnen und Besucher bauen eine Beziehung zu uns auf. Wenn sie später unseren Betrieb auf einer Karte sehen, werden sie sich gerne daran erinnern.»
In der Domaine de Montmollin endet der Tag schliesslich bei einem gemeinsamen Essen im Garten. Benoit fasst die besondere Stimmung so zusammen: «Am Anfang siezen sich alle, am Ende sind alle per Du.»
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